Jahresbericht 2024 und Mitglieder-Versammlung 2025

Jahresbericht 2024 und Mitglieder-Versammlung 2025

Für den Jahresbericht und die Mitgliederversammlung in diesem Jahr gelten andere Termine als üblich.

Mitgliederversammlung 2025
Die Mitgliederversammlung dieses Jahres wurde in den Herbst verschoben. Sie findet am Freitag, den 19. September 2025 statt. Die Mitglieder erhalten die entsprechende Einladung mit allen Details im August.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Jahresbericht 2024
Der Jahresbericht 2024 wird im Verlaufe des Monats August 2025 versendet. Alle Mitglieder, Gönner*innen und regelmässige Spender*innen erhalten ihn wie üblich automatisch.

Falls Sie den Jahresbericht nicht erhalten und ihn bestellen möchten, kontaktieren Sie uns unter
info@mutterundkindhaus.ch

Blick in die Vergangenheit: Menschlichkeit und Würde für Mutter und Kind

Blick in die Vergangenheit: Menschlichkeit und Würde für Mutter und Kind

Sylvia Hug kennt und begleitet das Haus für Mutter und Kind seit der Gründung des Vereins 1974 – eine sehr andere Zeit. Ihre Geschichte ordnet das Netzwerk Familie historisch ein.

Im Dorfkern von Hergiswil lebt Sylvia Hug mit ihrem Mann. Die gelernte Kinderkrankenschwester sorgte sich schon lange bevor das Haus für Mutter und Kind gegründet wurde um bedürftige Kleinkinder in Hergiswil. Zuerst im Rahmen des örtlichen Kinderheims und dann in der Mütterberatung. Wir treffen Sylvia Hug am späteren Nachmittag. Sie bietet drei verschiedene Sorten Süssigkeiten zum Kaffee an und erzählt uns von den Kindern, die sie damals pflegte.


60 bis 70 Kleinkinder und eine Handvoll Krankenschwestern
1958 startete Sylvia Hug ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester im Kinderheim Alpenblick in Hergiswil. Zwischen 60 und 70 Kinder waren bei den Schwestern untergebracht, vom Säuglingsalter bis zu zwei Jahren. Sie waren keine Waisen, sondern uneheliche Kinder. Zudem wurden Kleinkinder von Fremdarbeiterinnen der Glasi betreut.


Das Heim in Hergiswil war eines von wenigen in der Schweiz, das sich solch unehelicher Kinder annahm. Die Mütter der Kinder spielten im System keine Rolle, sie hatten keinen offiziellen Platz. «Natürlich fanden die Mütter aber zwischendurch inoffizielle Wege,ihre Kinder zu sehen», erzählt Sylvia Hug. Das Heim wurde vom Schweizerischen Katholischen Fürsorgeverein sowie der Caritas betrieben und durch Kirchengelder und Spenden finanziert. Der Staat bot damals noch keine Lösungen für uneheliche Kinder.


Ein Ort für Mutter und Kind
1971 wurde das Kinderheim aufgelöst. Zurück blieb ein Vakuum, das Initiatorinnen und Initiatoren sahen und beschlossen, einen Ort als «Durchgangsstation für Mutter und Kind» zu gründen. Vom Franziskanerorden konnte der Verein ein leerstehendes Ferienhaus in Hergiswil mieten, in welchem ab 1975 Mütter und ihre Kinder Zuflucht fanden. Der Name der Institution war von Anfang anProgramm: Erstmals gab es einen Ort, an dem alleinstehende Mütter mit ihren Kindern gemeinsam Zuflucht fanden. Dieser offizielle Platz, der den Müttern geboten wurde, verlieh ihnen eine Daseinsberechtigung. Frau Hug erinnert sich: «Irgendwann gingen die Mütterdann auch vermehrt mit ihren Kindern im
Dorf einkaufen oder spazieren – öffentlich sichtbar. Das wäre zuvor nicht denkbar gewesen». Auch die Väter durften die Kinder offiziell besuchen. Frau Hug betont, dass die Gründerinnen und Gründer der Institution immer schon mit sehr viel Menschlichkeit wirkten. Eine Qualität, die auch Frau Hug ihr Leben lang angetrieben hat – und wir vom ersten Moment an spüren.


Was sich in 50 Jahren geändert hat
2022 kamen in der Schweiz über ein Drittel aller Neugeborenen ausserhalb einer Ehe
zur Welt. Im Folgejahr bewegten sich die Zahlen auf 40 Prozent zu. Heute ist das Haus für Mutter und Kind (HMK) der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (IVSE) unterstellt. Es steht im Rahmen der Pflegekinderverordnung des Bundes unter der Aufsicht des Kantons Nidwalden. Mit den Tagesansätzen ist ein wesentlicher Teil der Aufenthaltskosten gedeckt. Mit den Zuwendungen der treuen Spenderinnen und Spender können Renovationen und Erweiterungen am Haus vorgenommen spezifische Förderungen angeboten, allgemein nicht gedeckte Kosten übernommen und die Lebensqualität der Kinder sowie der Mütter allgemein verbessert werden. Das Haus für Mutter und Kind stand von Anfang an im Zeichen des Fortschritts und tut es auch heute noch. Die Begleitung der Mütter wurde im Laufe der Jahre immer komplexer.


Menschen brauchen immer andere Menschen
Nebst all den Dingen, die sich in den vergangenen 50 Jahren geändert haben, gibt es auch solche, die sich vermutlich nie ändern. Früher wie heute fehlt den Müttern im Haus für Mutter und Kind oft ein intaktes familiäres Netzwerk. Das wirkt sich finanziell, organisatorisch und emotional auf das Leben und die Möglichkeiten der Mütter aus. Diese Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags und das Einfinden in der Mutterrolle gehören zu den Kernaufgaben des Hauses für Mutter und Kind, heute wie damals.

Der Kern unserer Arbeit ist das «Muttersein»

Der Kern unserer Arbeit ist das «Muttersein»

Der kleine Henry ist seiner Mama stets einen Schritt voraus: Seine Mutter Leandra wird im Haus für Mutter und Kind angeleitet, wie sie ihn in seiner Entwicklung unterstützen kann.

Sie soll ihn zum Beispiel am Boden über ihre Beine krabbeln lassen und ihm zeigen, wie er die Treppe rückwärts hinunterkriechen kann. Doch bevor Leandra überhaupt dazu kommt, ihm das zu zeigen, hat Henry es meist schon selbst entdeckt.


Leandra ist 25, Henry ein Jahr alt. Die beiden leben seit einem halben Jahr im Haus für Mutter und Kind. Zuvor waren sie im Frauenhaus, wo die junge Mutter Schutz vor ihrem Ex-Partner suchen musste.


Damit Mutter und Kind sich verstehen
Leandra ist um Vieles froh, das sie im Haus für Mutter und Kind erfahren darf. «Im Laufe des Aufenthalts bekomme ich Antworten auf meine Fragen zu seiner Entwicklung und Ernährung. Ich lerne auch, wie ich mit herausfordernden Situationen umgehen kann.» Dank Unterstützung der Bezugsperson wird Leandras Verständnis für ihr Kind gestärkt: «Ich verstehe jetzt besser, warum Henry weint und wie ich ihm in dieser Situation helfen kann. Während den ersten Monaten waren oft Koliken die Ursache seines Weinens, später ging es mit dem Zahnen los, da sabberte er ständig. Das alles zu wissen und konkrete Unterstützung zu bekommen, ist wirklich sehr hilfreich.»


Die Mutterrolle im Fokus
Wovon Leandra hier erzählt, ist unsere zentrale Aufgabe im Haus für Mutter und Kind: Wir unterstützen und bestärken die Mütter in ihrer Mutterrolle und fördern sie und ihre Kinder individuell. Auch das Netzwerk der kleinen Familien, gesundheitliche Fragen und manchmal sogar die Ausbildung der Mütter finden Platz in der Begleitung. Der Kern unserer Arbeit ist stets das «Muttersein».


Leandra blickt dankbar auf ihre bisherige Zeit im Haus für Mutter und Kind zurück: «Ich habe mich auf das Angebot und die Menschen eingelassen und dadurch wirklich sehr profitiert.»

Auch ein starkes Team braucht ein Netzwerk

Auch ein starkes Team braucht ein Netzwerk

Mit 17 Jahren hat Ayana ihre Heimat Eritrea verlassen und ist über Umwege in die Schweiz gekommen. Sie besuchte von Anfang an Deutschkurse und hatte vor, dereinst in der Pflege oder im Verkauf zu arbeiten. Dieses Vorhaben ist etwas anspruchsvoller geworden, seitdem vor dreieinhalb Jahren ihr Sohn Elyas zur Welt kam.

Elyas ist ein aufgewecktes Kind und schmunzelt seine Mitmenschen mit funkelnden Augen an. In der Entwicklung hinkt er etwas hinterher, weshalb er besondere Förderung braucht. Ayana erzählt: «Mir ist es wichtig, dass ich genug Zeit und Energie für meinen Sohn habe und ihn unterstützen kann. Er ist ein intelligentes Kind, braucht für gewisse Dinge einfach etwas mehr Zeit.» Im Haus für Mutter und Kind findet Ayana für den Moment die notwendigen Rahmenbedingungen, sodass sie ihrem Sohn das geben kann, was er braucht. Und Elyas profitiert vom hausinternen Angebot sowie der pädagogischen Sonderförderung.


«Mit Familie wäre es schon einfacher»
Wie vielen anderen Klientinnen im Haus für Mutter und Kind fehlt Ayana ein intaktes soziales Netzwerk, das sie als alleinerziehende Mutter unterstützt. Neun Jahre ist es her, seit sie ihre eigene Mutter zum letzten Mal gesehen hat. Sie lebt noch in Eritrea, kann nicht in die Schweiz reisen und Ayana nicht in ihr Heimatland: «Wir telefonieren viel und sie sieht Elyas über das Smartphone. Sie weiss, dass ich Unterstützung bräuchte, kann mir aber nicht helfen. Mit Familie wäre schon alles einfacher», erzählt Ayana bedrückt. Ihr Vater ist in die Türkei ausgewandert, weitere Verwandte leben in Frankreich sowie in Deutschland. Seit Ayana ihre Heimat verliess, ist sie auf sich allein gestellt.


In solchen Fällen kann das Haus für Mutter und Kind das fehlende Netzwerk teilweise ersetzen, zumindest in organisatorischer und pädagogischer Hinsicht. Zudem arbeiten die Klientinnen während des ganzen Aufenthaltes mit ihren Bezugspersonen darauf hin, sich in Zukunft ein solches Netzwerk selbst aufzubauen und möglichst auf eigenen Füssen zu stehen.


«Elyas liebt seinen Vater»
Die Beziehung zwischen Ayana und dem Kindsvater ging zwar in die Brüche, dennoch ist er Teil von Elyas Leben. Er besucht seinen Sohn meistens am Sonntag im Haus für Mutter und Kind, unternimmt Ausflüge mit ihm und nimmt am Alltag im Haus für Mutter und Kind teil. Ayana meint: «Für unsere Kultur ist es nicht gerade typisch, dass sich der Vater einbringt. Umso mehr schätz e ich es, wenn er vorbeikommt und die beiden Sachen unternehmen, für die mir die Zeit und Energie fehlen. Während er da ist, kann ich einmal Pause machen und wieder Energie tanken. Und Elyas sagt, er liebt seinen Papa. Deshalb ist es mir wichtig, dass sie sich sehen können.»
Die Verantwortung liegt aber bei ihr. Ihre Zukunft plant sie für sich und Elyas zu zweit: «Er ist ein guter und gescheiter Junge. Wir werden das Leben zusammen meistern, wir sind ein starkes Team.»


*Namen geändert