Haus für Mutter und Kind, Hergiswil NW

Blick in die Vergangenheit: Menschlichkeit und Würde für Mutter und Kind

Sylvia Hug kennt und begleitet das Haus für Mutter und Kind seit der Gründung des Vereins 1974 – eine sehr andere Zeit. Ihre Geschichte ordnet das Netzwerk Familie historisch ein.

Im Dorfkern von Hergiswil lebt Sylvia Hug mit ihrem Mann. Die gelernte Kinderkrankenschwester sorgte sich schon lange bevor das Haus für Mutter und Kind gegründet wurde um bedürftige Kleinkinder in Hergiswil. Zuerst im Rahmen des örtlichen Kinderheims und dann in der Mütterberatung. Wir treffen Sylvia Hug am späteren Nachmittag. Sie bietet drei verschiedene Sorten Süssigkeiten zum Kaffee an und erzählt uns von den Kindern, die sie damals pflegte.


60 bis 70 Kleinkinder und eine Handvoll Krankenschwestern
1958 startete Sylvia Hug ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester im Kinderheim Alpenblick in Hergiswil. Zwischen 60 und 70 Kinder waren bei den Schwestern untergebracht, vom Säuglingsalter bis zu zwei Jahren. Sie waren keine Waisen, sondern uneheliche Kinder. Zudem wurden Kleinkinder von Fremdarbeiterinnen der Glasi betreut.


Das Heim in Hergiswil war eines von wenigen in der Schweiz, das sich solch unehelicher Kinder annahm. Die Mütter der Kinder spielten im System keine Rolle, sie hatten keinen offiziellen Platz. «Natürlich fanden die Mütter aber zwischendurch inoffizielle Wege,ihre Kinder zu sehen», erzählt Sylvia Hug. Das Heim wurde vom Schweizerischen Katholischen Fürsorgeverein sowie der Caritas betrieben und durch Kirchengelder und Spenden finanziert. Der Staat bot damals noch keine Lösungen für uneheliche Kinder.


Ein Ort für Mutter und Kind
1971 wurde das Kinderheim aufgelöst. Zurück blieb ein Vakuum, das Initiatorinnen und Initiatoren sahen und beschlossen, einen Ort als «Durchgangsstation für Mutter und Kind» zu gründen. Vom Franziskanerorden konnte der Verein ein leerstehendes Ferienhaus in Hergiswil mieten, in welchem ab 1975 Mütter und ihre Kinder Zuflucht fanden. Der Name der Institution war von Anfang anProgramm: Erstmals gab es einen Ort, an dem alleinstehende Mütter mit ihren Kindern gemeinsam Zuflucht fanden. Dieser offizielle Platz, der den Müttern geboten wurde, verlieh ihnen eine Daseinsberechtigung. Frau Hug erinnert sich: «Irgendwann gingen die Mütterdann auch vermehrt mit ihren Kindern im
Dorf einkaufen oder spazieren – öffentlich sichtbar. Das wäre zuvor nicht denkbar gewesen». Auch die Väter durften die Kinder offiziell besuchen. Frau Hug betont, dass die Gründerinnen und Gründer der Institution immer schon mit sehr viel Menschlichkeit wirkten. Eine Qualität, die auch Frau Hug ihr Leben lang angetrieben hat – und wir vom ersten Moment an spüren.


Was sich in 50 Jahren geändert hat
2022 kamen in der Schweiz über ein Drittel aller Neugeborenen ausserhalb einer Ehe
zur Welt. Im Folgejahr bewegten sich die Zahlen auf 40 Prozent zu. Heute ist das Haus für Mutter und Kind (HMK) der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (IVSE) unterstellt. Es steht im Rahmen der Pflegekinderverordnung des Bundes unter der Aufsicht des Kantons Nidwalden. Mit den Tagesansätzen ist ein wesentlicher Teil der Aufenthaltskosten gedeckt. Mit den Zuwendungen der treuen Spenderinnen und Spender können Renovationen und Erweiterungen am Haus vorgenommen spezifische Förderungen angeboten, allgemein nicht gedeckte Kosten übernommen und die Lebensqualität der Kinder sowie der Mütter allgemein verbessert werden. Das Haus für Mutter und Kind stand von Anfang an im Zeichen des Fortschritts und tut es auch heute noch. Die Begleitung der Mütter wurde im Laufe der Jahre immer komplexer.


Menschen brauchen immer andere Menschen
Nebst all den Dingen, die sich in den vergangenen 50 Jahren geändert haben, gibt es auch solche, die sich vermutlich nie ändern. Früher wie heute fehlt den Müttern im Haus für Mutter und Kind oft ein intaktes familiäres Netzwerk. Das wirkt sich finanziell, organisatorisch und emotional auf das Leben und die Möglichkeiten der Mütter aus. Diese Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags und das Einfinden in der Mutterrolle gehören zu den Kernaufgaben des Hauses für Mutter und Kind, heute wie damals.

Weitere Beiträge

Auch ein starkes Team braucht ein Netzwerk

Auch ein starkes Team braucht ein Netzwerk

Mit 17 Jahren hat Ayana ihre Heimat Eritrea verlassen und ist über Umwege in die Schweiz gekommen. Sie besuchte von Anfang an Deutschkurse und hatte vor, dereinst in der Pflege oder im Verkauf zu arbeiten. Dieses Vorhaben ist etwas anspruchsvoller geworden, seitdem vor dreieinhalb Jahren ihr Sohn Elyas zur Welt kam.

read more